VERLÄUFE

Über die Arbeit der Künstlerin YOTTA KIPPE

Ein Beitrag von Norina Quinte



Die Arbeiten der Künstlerin Yotta Kippe, 1971 in Hamburg geboren, bauen ästhetisch wie auch inhaltlich aufeinander auf. So stellen die wache Betrachterin und der wache Betrachter fest, dass bereits ihre Farbpalette eine deutliche Sprache spricht: weiß, grau, fast-schwarz und das in allen vorstellbaren Nuancen. Durch die Abwesenheit bunter Farben, wird der Blick bei Kippes bisherigen Werken auf Inhalt und Form gelenkt. Doch – eine weitere Stärke ihrer Arbeiten – beide sind per se nicht endgültig greifbar, verschwimmen durch ihre gezeichneten Bewegungen. 


Was genau ist damit gemeint?


Yotta Kippe ist eine Künstlerin der Verläufe. Dieser Begriff könnte die Möglichkeit eröffnen, sich an die Besonderheit ihrer Arbeiten heranzutasten.


Verlauf I:

Ausgangspunkt vieler ihrer Arbeiten bilden Selbstportraits der Künstlerin. Nahaufnahmen ihres Gesichts, begrenzt auf Mund, Nase und Augen. Zwar bedient sie sich des persönlichsten Motivs – dem Selbstbild – löscht aber im Prozess der digitalen oder analogen Weiterbearbeitung dieses private Element wieder aus. Yotta Kippe überführt also das Private in das Anonyme und das Universelle. Übrig bleibt lediglich die Ahnung eines intimen Moments. 


Yotta Kippe, o.T. (2020)


Verlauf II:

Yotta Kippe beschäftigen hell-dunkel Verläufe. So tritt z.B. bei manchen ihrer Werke erst nach längerem Betrachten ein Augenpaar aus dem Dunkel oder Hellen hervor. Das stellt den/die Betrachter*in auf die Probe, denn durch die Zartheit der Darstellungen und die Überlagerungen der Bildinhalte ist ein statisches Sehen und ein finales Erfassen nicht möglich. Vielmehr ist das Auge bei Kippes Arbeiten dazu aufgerufen, immer wieder neu zu fokussieren und das vorgefundene Bild zu überprüfen. 


Verlauf III:

Auch die Zeichnung spielt in Kippes Arbeiten eine bedeutende Rolle. Digital (Computer und Bearbeitungsprogramme) und Analog (z.B. mit Graphit) bearbeitet und ergänzt sie hierdurch ihre Fotografien. Ein Dialog zwischen fotografischer Aufnahme und händischer Zeichnung findet in vielen ihrer Werke statt. Die Verläufe sind hierbei fließend, was zu einem beeindruckenden Wechselspiel zwischen den verwendeten Medien führt.


Wechselspiele in Form von Überlagerungen sind ausschlaggebend für ein weiteres, von Kippe konsequent verwendetes, Element: die Unschärfe. Diese ist sowohl in vielen ihrer Zeichnungen, wie auch bei den überzeichneten Fotografien, vorzufinden. 

Indem sie durch ihre Überzeichnungen Unschärfe generiert und diese somit zum Bildinhalt macht, verweist sie (unbewusst oder bewusst) auf die Wechselbeziehung zwischen Fotografie und Malerei. Erst seit der Erfindung der Fotografie, zog nämlich die Unschärfe in die Malerei ein, deren Hauptaufgabe ab diesem Moment nicht mehr vorwiegend die naturgetreue Abbildung war. Dass Unschärfe für Künstler*innen ein legitimes Mittel wurde, machte die Künste durchaus freier als zuvor. 


Yotta Kippe, aus der Serie "Monaden" (2020)


Frei ist auch Yotta Kippe in dem was sie tut – künstlerisch wie persönlich. 

Scheint sie auch eine stringente ästhetische Sprache entwickelt zu haben, spürt man bei der Betrachtung ihrer Arbeiten, den Mut, philosophische Auseinandersetzungen und eigene Fragestellungen an die Welt frei in abstrakte Zeichen zu überführen. Eine Serie an Zeichnungen umkreisen unter dem Titel Monaden Gottfried Wilhelm Leibniz' Monadenlehre aus dem Jahr 1714. Sie selbst kommentiert ihr Interesse mit „Sehnsucht nach Unteilbarkeit“. 


Yotta Kippes Verläufe schaffen Formen von Grenzenlosigkeit und setzen ihre Arbeiten – ob Objekte, Fotografien oder Zeichnungen – wie auch die Betrachter*innen ihrer Werke, in geistige Bewegung.